Michael Jahnz – Diakon der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Nördlingen und Seelsorger auf der Palliativstation

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Herr Jahnz, wie kann man sich Ihre Arbeit als Seelsorger der Palliativstation Nördlingen vorstellen?

Es gibt unterschiedliche Ansätze. Zum einen, wenn ich gezielt zu einem Patienten gerufen werde um Abschiede zu begleiten oder Rituale anzubieten, andererseits bin ich aber auch regelmäßig einfach nur da, und bringe Zeit, ein offenes Ohr und Absichtslosigkeit für die Begegnungen auf der Palliativstation mit. Seelsorge hat keinen Therapieauftrag und kein Therapieziel. Es muss am Ende also nicht irgendetwas bestimmtes erreicht werden. Und so bringe ich mich mit meiner Person in die Situation ein und schaue, was da ist oder vom Patienten kommt. 

Welche Themen tauchen in Ihren Begegnungen und Gesprächen mit Patienten auf?

Seelsorge auf der Palliativstation steht häufig in Verbindung mit der Frage nach dem Sinn des Lebens. „Warum ich?“, „Woher komme ich?“ und „Was passiert mit mir nach dem Tod?“. Dabei versuche ich, zusammen mit dem Patienten Ressourcen zu entdecken, auf die er oder sie in der momentanen Situation zurückgreifen und daraus Kraft und Zuversicht schöpfen kann. Vor allem aber geht es mir darum, den Menschen in seiner Bedürftigkeit wahrzunehmen, so, wie er ist. Wenn die gelebte Spiritualität eines Patienten sich zum Beispiel auf die Natur, seinen Garten oder auf irgendetwas anderes bezieht, was ihm sein Leben lang wichtig war, dann gehe ich darauf ein. Keinesfalls ist es missionarische Arbeit, die ich verfolge mit dem Ziel, Menschen irgendwie zum Glauben zu bewegen, beziehungsweise zu dem, was ich für Glaube halte. Sondern ich stehe für das, was es an Glaubenserfahrungen oder Sehnsucht nach Spiritualität gibt,als Gesprächspartner zur Verfügung.

Wie gelingt das?

Ich bin fest eingebunden in das Team der Palliativstation und bin jeden Mittwoch vor Ort. Wenn ich in die Zimmer gehe, dann weiß ich nicht – und es spielt auch keine Rolle für mich – ob der Patient katholisch, evangelisch, Angehöriger einer anderen Glaubensrichtung oder konfessionslos ist. Sondern ich bin da und dann sieht man schon, was ist. Und das verläuft ganz unterschiedlich. Manchmal bleiben die Gespräche an der Oberfläche. Und manchmal bin ich überrascht, wie offen die Menschen gleich mit den für sie wichtigen Fragen mit mir ins Gespräch kommen. 

Sind Sie auch für die Angehörigen da?

Die sind mir sogar besonders wichtig. Ich habe die Erfahrung, dass Patienten oft schon sehr viel weiter mit der Verarbeitung ihrer Krankheit sind, während die Angehörigen noch gar nicht damit zurechtkommen. Oft spreche ich mehr mit den Angehörigen als mit dem Patienten selbst. Das liegt vielleicht auch daran, dass mir eigene Sterbebegleitung und Abschiedserfahrungen von geliebten Menschen heute helfen, mich gut in die Situation von Angehörigen hineinversetzen zu können. Ich kenne die Gefühle, die Menschen haben, wenn sie am Bett stehen und nichts machen können.

Wenn Sie an den Mittwochen die Palliativstation wieder verlassen, was ist dann für Sie ein gelungener Tag gewesen?

Das ist schwierig zu beantworten. Ich versuche die stattgefundenen Gespräche nicht zu bewerten und bin einfach nur beeindruckt von dem, was ich an Begegnungen auf der Palliativstation erlebt habe. Gerade auch von Menschen, die mit Seelsorge eigentlich überhaupt nichts zu tun haben wollen. Irgendwie kommen wir dann meistens doch ins Gespräch und stellen nicht selten am Schluss beide fest, dass es gut war, miteinander geredet zu haben. Ich weiß ja nicht, ob dasGespräch in meinem Gegenüber noch nachwirkt, was es vielleicht bewirkt hat oder auslöst. Das kann und will ich nicht beurteilen und ist auch nicht Ziel meiner Besuche. Oft geht es mir jedenfalls so, dass ich den Mitarbeitern auf der Palliativstation ganz beeindruckt rückmelde, was für tolle Patienten sie gerade wieder haben und wie dankbar diese für die Pflege und Begleitung sind. Und ich gehe fast immer beschenkt aus dem Nachmittag heraus, weil ich dort auf Menschen treffe, die eine unbeschreibliche Tiefe und Weite im Leben besitzen, vor der ich einfach nur lernen und meinen Hut ziehen kann.